Aktuelles Wissen: Schwindel

Dr. Richard Ippisch (aktualisiert am 17.9.2019)

Schwindel ist eines der am häufigsten geklagten Symptome in der ärztlichen Praxis. Ganz unterschiedlich sind dabei die Beschwerden, die der Einzelne unter "Schwindel" versteht. Von einfacher Konzentrationsstörung oder Benommenheit über Gangunsicherheit, Dreh- und Schwankgefühl bis hin zu Schwarzwerden vor den Augen und beginnender Bewusstlosigkeit reicht das Spektrum, das Patienten gegenüber ihrem Arzt als Schwindel beschreiben.

Den vielfältigen Beschwerden können dementsprechend auch eine große Anzahl ganz verschiedener Störungen und Erkrankungen zugrunde liegen. Ein plötzlich aufgetretenes Drehgefühl kann beispielsweise eine ganz harmlose, gut behandelbare Störung des Gleichgewichtsorgans, aber auch der Beginn einer lebensbedrohlichen Durchblutungsstörung des Gehirns sein.

Neurologische Störungen sind nicht selten die Ursache von Schwindel. Die Diagnose kann dem Nicht-Spezialisten manchmal Schwierigkeiten bereiten.

Eine exakte Diagnosestellung ist aber vor allem bei neu aufgetretenen Schwindelbeschwerden in jedem Fall erforderlich. Keinesfalls genügt es, einfach nur unspezifische Medikamente gegen den Schwindel einzunehmen und auf eine mögliche Besserung zu warten.
Nicht der Schwindel, sondern die Ursache des Schwindels muss behandelt werden!

Wichtig für die Diagnose: Begleitsymptome...

Für die ärztliche Diagnosestellung ist es zunächst ganz wichtig, eine möglichst exakte Beschwerdeschilderung zu erhalten.
Andere begleitende Symptome, die für den Patienten vielleicht nicht im Vordergrund stehen, wie Ohrgeräusch, Hörminderung, Doppelbilder, verwaschene Sprache, ein Taubheitsgefühl u.ä. können wertvolle Hinweise auf mögliche Funktionsbeeinträchtigungen des Nervensystems geben.

...und die neurologische Untersuchung

Eine anschließende, umfassende und fachgerechte neurologische Untersuchung kann dann Aufschluss über auch nur geringgradige Auffälligkeiten der verschiedenen Funktionsbereiche des Gehirns und vor allem des Gleichgewichtssystems liefern.

Neben einer Gleichgewichtsprüfung im Stehen und Gehen ist hierbei vor allem eine Untersuchung der Augenbewegungen wichtig. Die Stellung der Augen muss bei Kopf- und Körperbewegungen oft und rasch korrigiert werden, um ein verwischtes Sehen zu vermeiden. Gleichgewichtssystem und Augenbewegungszentrum sind dazu sehr eng durch Reflexkreise verbunden. Umgekehrt führen dann Störungen der Gleichgewichtsverarbeitung zu einer dem neurologisch ausgebildeten Untersucher erkennbaren Änderung dieser Augenbewegungsreflexe.

Nur der Neurologe verfügt in der Regel über das Wissen und die Ausstattung, um die vielfältigen Störungen des Zentralnervensystems, die mit Schwindel einhergehen können, zu erkennen, einzuordnen und die erforderliche Behandlung einzuleiten.

Mögliche Fehldiagnosen durch ungezielte apparative Diagnostik

Wir halten dagegen wenig davon, mangelnde neurologische Kenntnisse dadurch zu ersetzen, dass man den Patienten erst eine (teure und ggf. selbst zu bezahlende) Batterie von apparativen Untersuchungen durchlaufen lässt, um dabei ungezielt nach irgendwelchen Auffälligkeiten zu suchen.
Aus der Risikoforschung ist bekannt, dass dies sehr leicht zu falschen Diagnosen führen kann (sogenannter "Falsch-positiv-Fehler").

Beispielsweise wird an anderer Stelle die Diagnose einer "Vestibularis-Paroxysmie" leider viel zu häufig gestellt. Diese Art der Störung ist jedoch sehr selten. Die zur Behandlung verwendeten Medikamente sind häufig nicht ohne Nebenwirkungen. Ohne Bestätigung der Diagnose durch einen in der Schwindeldiagnostik erfahrenen Neurologen sollte daher keine entsprechende dauerhafte Therapie erfolgen!

Eine weitere häufige Fehldiagnose ist der sogenannte "cervikogene Schwindel". Die Diagnose wird immer wieder gestellt, wenn sich auf Röntgenaufnahmen oder im CT/MRT Veränderungen an der Halswirbelsäule nachweisen lassen oder von interessierter Seite bei der Untersuchung eine "Instabilität" oder "Blockierung" gefunden wird.
Aber: Einen anhaltenden Schwindel, der durch irgendwelche Veränderungen der Halswirbelsäule verursacht wird, gibt es - nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand - schlicht und einfach nicht !
Bei allen Patienten, die sich mit der Diagnose eines "cervikogenen Schwindel" in einem spezialisierten Zentrum vorstellen, wird nach sorgfältiger Untersuchung eine andere Diagnose gefunden.

Nach einer Untersuchung durch den Hausarzt sollte eine Überweisung zum Neurologen erfolgen

Da auch verschiedene Störungen des Kreislaufs und der Blutdruckregulation aber auch zum Beispiel akute Infektionen und Lungenfunktionsstörungen zu Schwindel führen können, wird der Hausarzt zunächst die dabei erforderlichen (Blut-) Untersuchungen durchführen. Auch eine Untersuchung des Hörvermögens und ggf. auch der Funktion der Gleichgewichtsorgane durch den HNO-Arzt ist vor allem bei Drehschwindel mit begleitender Hörstörung oder Ohrgeräusch sinnvoll.
Bei hier fehlenden Auffälligkeiten sollte dann jedoch - vor allem bei starkem Schwindel - rasch eine neurologische Untersuchung erfolgen, denn die mit heftigem Schwindel einhergehenden und rasch behandlungsbedürftigen Erkrankungen spielen sich außer am Herz-/Kreislaufsystem ausschließlich im Nervensystem ab.

Die meisten Schwindelerkrankungen lassen sich gut behandeln

Die gute Nachricht zum Thema Schwindel ist, dass in einem spezialisierten Zentrum 95% aller Schwindelbeschwerden nach sorgfältiger Untersuchung einer Diagnose zugeordnet werden können.
Die meisten Schwindelerkrankungen lassen sich - nach klarer Diagnosestellung - dann auch erfolgreich behandeln.

Spezielle Schwindel-Sprechstunde in unserer Praxis

In unserer Praxis in Germering stellt die Diagnose und Therapie von Schwindel einen Schwerpunkt dar. Wir bieten daher eine eigene Schwindel-Sprechstunde an.

Wir arbeiten dabei mit dem nahe gelegenen Deutschen Zentrum für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen am Universitätsklinikum Großhadern in München eng zusammen. Dr. Ippisch entwickelt dort gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Gangstörungen ein neues Verfahren zur Ganganalyse in der Praxis.

Für fachlich interessierte Leser stellen wir ergänzend den von Dr. Richard Ippisch in der Zeitschrift "Hausarzt", dem offiziellen Organ des österreichischen Hausärzteverbandes veröffentlichten Artikel als PDF-Datei zur Verfügung:
"Alles Schwindel ? - Ein diagnostischer Leitfaden für den Praxisalltag"

 

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