{"id":542,"date":"2017-07-05T14:34:52","date_gmt":"2017-07-05T14:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nerven-praxis.de\/patblog\/?p=542"},"modified":"2017-07-16T08:06:01","modified_gmt":"2017-07-16T08:06:01","slug":"aktuelles-wissen-verhaltensstoerungen-bei-demenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nerven-praxis.de\/patblog\/2017\/07\/05\/aktuelles-wissen-verhaltensstoerungen-bei-demenz\/","title":{"rendered":"Aktuelles Wissen: Verhaltensst\u00f6rungen bei Demenz"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: left;\">\n<p>Stellen Sie sich einmal vor, Sie w\u00e4ren selbst betroffen. Sie wissen schon selbst, dass Ihr Ged\u00e4chtnis nicht mehr so funktioniert wie fr\u00fcher.\u00a0Sie m\u00fcssen sich aber immer wieder S\u00e4tze anh\u00f6ren wie: \u201eDas habe ich dir doch gerade erst gesagt!\u201c oder \u201eDas haben wir doch gestern erst besprochen!\u201c. Sie aber k\u00f6nnten schw\u00f6ren, dass Sie von all dem noch nie etwas geh\u00f6rt haben. Noch schlimmer: Man l\u00e4sst Sie manche Dinge einfach nicht mehr machen aus Angst, Sie k\u00f6nnten einen Fehler machen, eine Herdplatte angeschaltet oder ein Becken \u00fcberlaufen lassen. Alle machen sich irgendwie Sorgen um Sie, oft f\u00fchlen Sie sich behandelt wie ein kleines Kind.<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrden Sie reagieren? Fr\u00f6hlich und gelassen? Dankbar, dass man Sie auf Ihre Fehler hinweist und Sie st\u00e4ndig korrigiert? Oder w\u00e4ren Sie doch eher ungehalten, frustriert und w\u00fcrden auch mal laut? Was w\u00fcrde das mit Ihrem Selbstwertgef\u00fchl machen? W\u00e4ren Sie noch so selbstbewusst wie fr\u00fcher im Umgang mit anderen oder w\u00fcrden Sie eher unsicher werden und sich zur\u00fcckziehen?<\/p>\n<p>Menschen mit einer Demenz und einer durch die Krankheit bedingten Ged\u00e4chtnisst\u00f6rung machen diese Erfahrungen tagt\u00e4glich. Von der Krankheit sind besonders die Gehirnareale betroffen, die normalerweise neue Informationen abspeichern. Die zust\u00e4ndigen Hirnzellen sterben ab, die betroffenen Regionen schrumpfen und funktionieren nicht mehr.<br \/>\nAlles was man den Betroffenen sagt bleibt \u2013 bildlich gesprochen - nicht mehr im Beh\u00e4lter, sondern l\u00e4uft einfach durch - wie durch ein Sieb. Alles \u00dcben und Lernen macht deshalb keinen Sinn mehr, denn es kann einfach nichts mehr h\u00e4ngen bleiben.<\/p>\n<p>Sehr wohl nehmen die Betroffenen aber den immer wieder offenen oder unterschwelligen Vorwurf wahr, schon wieder versagt zu haben. Da aber auch das denkende Verstehen der eigenen Situation durch die Krankheit beeintr\u00e4chtigt ist, bleibt den Patienten oft nur eines: ohnm\u00e4chtige Frustration.<\/p>\n<p>Die Patienten reagieren hierauf unterschiedlich, die einen werden w\u00fctend und aggressiv, andere ziehen sich zur\u00fcck, werden depressiv und apathisch. Es kommt zu den sogenannten \u201eVerhaltensst\u00f6rungen bei Demenz\u201c, die zum Teil durch die Erkrankung selbst bedingt sind, oft aber auch eine hilflose Reaktion auf die eigene Situation und das Verhalten der Umwelt darstellen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Angeh\u00f6rigen eines Demenzkranken sind es aber gerade diese Verhaltensst\u00f6rungen, die den Umgang mit den Patienten so schwierig und belastend werden lassen. Sie f\u00fchlen sich oft ebenfalls hilflos, \u00fcberfordert und alleine gelassen.<\/p>\n<p>Das Wissen um einige einfache Verhaltensregeln kann jedoch oft die Situation entsch\u00e4rfen, den Umgang mit Demenzpatienten erleichtern und das Auftreten der Verhaltensst\u00f6rungen verringern.<\/p>\n<p>Um den folgenden Text gut lesbar zu halten wird nur von <strong><em>dem<\/em><\/strong> Patienten gesprochen, gemeint sind damit nat\u00fcrlich Patientinnen <strong><em>und<\/em><\/strong> Patienten.<\/p>\n<p><b>Einfache Regeln zum Umgang mit Verhaltensst\u00f6rungen bei Demenz<\/b><\/p>\n<ol>\n<li>Versetzen Sie sich immer wieder einmal in die Lage des Patienten \u2013 so wie oben geschildert. Der Wechsel der Perspektive kann einem helfen, die Reaktion des Betroffenen besser zu verstehen.<\/li>\n<li>Versuchen Sie es zu vermeiden, den Patienten immer wieder auf seine Fehler hinzuweisen. Sagen Sie nicht \u201edas habe ich dir doch schon gesagt\u201c, sondern wiederholen Sie einfach mit kurzen, gut verst\u00e4ndlichen S\u00e4tzen was - genau - jetzt gemacht werden soll.<\/li>\n<li>Vermeiden Sie das \u00dcben von eigentlich \u00fcberfl\u00fcssigen F\u00e4higkeiten. Der Patient muss (und kann!) sich das aktuelle Datum und auch die Namen von Personen einfach nicht mehr merken. Alles \u00dcben \u00e4ndert daran nichts, es ist also auch nicht seine Schuld, wenn er sich den Frust ersparen will.<\/li>\n<li>Versuchen Sie Ihren Tonfall zu kontrollieren. Die Patienten reagieren sehr sensibel auf jede genervt h\u00f6here Tonlage. Sprechen Sie langsam, in kurzen S\u00e4tzen und mit sonorer Stimme, das schafft Vertrauen und vermeidet Widerspruch und aggressives Verweigern.<\/li>\n<li>F\u00fchren Sie einen gemeinsamen Kalender f\u00fcr wichtige Termine und weisen Sie den Patienten erst dann auf den Termin hin, wenn konkrete Aktivit\u00e4ten erforderlich werden. Sie k\u00f6nnen ihn aber allgemein darauf hinweisen, dass in diesem Kalender alle anstehenden Termine vermerkt sind, so dass er selbst nachsehen kann, wenn er m\u00f6chte.<\/li>\n<li>Bieten Sie zus\u00e4tzliche Hilfen an, wenn n\u00f6tig. Beschriften Sie die T\u00fcren (z.B. WC) und Schr\u00e4nke, schreiben Sie Hinweiszettel. Sorgen Sie daf\u00fcr, dass der Patient in allen benutzten Kleidungsst\u00fccken immer einen Zettel mit der eigenen Adresse mit sich tr\u00e4gt.<\/li>\n<li>Vermeiden Sie Diskussionen \u00fcber Sachverhalte. Sie werden den Patienten nicht \u00fcberzeugen, er wird sich auf seine einmal eingenommene Position in jedem Fall versteifen, weil er sich erstens nicht immer bevormunden lassen will und zweitens oft auch Ihre Argumente gar nicht mehr durchdenken kann.<\/li>\n<li>Sollte der Patient im Gespr\u00e4ch falsche oder real unm\u00f6gliche Dinge erz\u00e4hlen, dabei z.B. Traum und Wirklichkeit vermischen, vermeiden Sie es, emotional ablehnend zu reagieren und ungl\u00e4ubig zu widersprechen. Versuchen Sie zun\u00e4chst, mitf\u00fchlend Anteil an seiner Gef\u00fchlswelt zu nehmen. Dies schafft Vertrauen und ein Gef\u00fchl der Sicherheit. Lenken Sie dann das Gespr\u00e4ch auf andere angenehmere Themen, so dass die belastenden Gedanken durch die Ged\u00e4chtnisst\u00f6rung auch wieder vergessen werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Sollte es zu einem Streit mit drohender aggressiver Eskalation kommen, verlassen Sie den Raum. Machen Sie sich die Ged\u00e4chtnisst\u00f6rung in diesem Fall zunutze, beruhigen Sie sich selbst und betreten Sie den Raum nach 5-10 Minuten wieder so, als w\u00e4re nichts geschehen. Beginnen Sie das Gespr\u00e4ch noch einmal neu, w\u00e4hlen einen anderen Ansatz unter Vermeidung von Reizthemen, nicht selten nimmt die Unterhaltung dann einen v\u00f6llig anderen Verlauf.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"10\">\n<li>Suchen Sie nach F\u00e4higkeiten, die der Patient noch hat und f\u00f6rdern Sie diese. Vergeben Sie entsprechende Aufgaben indem Sie ihn bitten, Ihnen zu helfen (z.B. einfache Haushalts- oder Gartenarbeiten). Der Patient f\u00fchlt sich als Person wahrgenommen und gebraucht, sein Selbstwertgef\u00fchl wird gest\u00e4rkt.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"11\">\n<li>Vermeiden Sie T\u00e4tigkeiten, die der Patient nicht mehr kann bzw. nehmen Sie ihm diese m\u00f6glichst kommentarlos ab und geben ihm daf\u00fcr ggf. eine andere Aufgabe. Dem Patienten gezielt vorzuf\u00fchren, dass er etwas nicht mehr kann ist ein aggressiver Akt, so dass man sich nicht wundern muss, wenn er darauf selbst aggressiv reagiert.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"12\">\n<li>Vermeiden Sie Gespr\u00e4che \u00fcber aktuelle Themen, zu denen der Patient nichts beitragen kann, da er die j\u00fcngsten Ereignisse nicht kennt oder bereits wieder vergessen hat. Wenn n\u00f6tig, erz\u00e4hlen Sie ihm wichtige aktuelle Ereignisse ruhig immer wieder neu (ohne Hinweis darauf, dass Sie es ihm schon mal erz\u00e4hlt haben), um ihn dann erst nach seiner Meinung zu fragen.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"13\">\n<li><span lang=\"de-DE\">Jede Verhaltensst\u00f6rung l\u00e4sst sich bessern, wenn Sie den Patienten in ein Gespr\u00e4ch verwickeln, in dem er sich selbst wohl f\u00fchlt. Sprechen Sie mit ihm \u00fcber alte Zeiten, lassen ihn erz\u00e4hlen, auch wenn Sie die Geschichten schon kennen (er kann sich nicht erinnern, Sie Ihnen schon erz\u00e4hlt zu haben). Gehen Sie mit ihm alte Fotos durch, so dass alte (oft noch vorhandene) Erinnerungen geweckt werden und der Patient das Gef\u00fchl hat, aktiv an der Unterhaltung teilnehmen zu k\u00f6nnen. So geben Sie ihm das f\u00fcr ihn so selten gewordene Gef\u00fchl, f\u00fcr andere noch interessant zu sein.<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich einmal vor, Sie w\u00e4ren selbst betroffen. Sie wissen schon selbst, dass Ihr Ged\u00e4chtnis nicht mehr so funktioniert wie fr\u00fcher.\u00a0Sie m\u00fcssen sich aber immer wieder S\u00e4tze anh\u00f6ren wie: \u201eDas habe ich dir doch gerade erst gesagt!\u201c oder \u201eDas haben wir doch gestern erst besprochen!\u201c. 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