{"id":131,"date":"2013-03-31T17:33:25","date_gmt":"2013-03-31T17:33:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nerven-praxis.de\/patblog\/?p=131"},"modified":"2023-05-17T07:27:54","modified_gmt":"2023-05-17T07:27:54","slug":"wissen-zum-thema-ohrgeraeusch-tinnitus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nerven-praxis.de\/patblog\/2013\/03\/31\/wissen-zum-thema-ohrgeraeusch-tinnitus\/","title":{"rendered":"Aktuelles Wissen: Ohrger\u00e4usch (Tinnitus)"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: left;\">\n<p>Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zu Hause und m\u00f6chten ein Buch lesen. Kaum haben Sie sich hingesetzt, stellen Sie fest: da ist ein Ger\u00e4usch, ein hoher Summton, wie bei einer St\u00f6rung im Fernseher. Sie suchen nach der Ger\u00e4uschequelle, nach dem Ger\u00e4t, das Sie ausschalten k\u00f6nnten. Sie finden das Ger\u00e4t nicht.<br \/>\nSie setzen sich wieder hin, versuchen zu lesen, das Ger\u00e4usch zu ignorieren. Es gelingt Ihnen nicht. Genervt verlassen Sie das Zimmer und gehen in einen anderen Raum. Das Ger\u00e4usch ist immer noch da, sogar lauter als vorher. Das Ger\u00e4usch verfolgt Sie, wohin Sie auch gehen, nur bei lauten Umgebungsger\u00e4uschen geht es kurzfristig unter.<\/p>\n<p>Am schlimmsten ist es abends im Bett, wenn Sie versuchen, einzuschlafen. Jetzt ist das Ger\u00e4usch so laut, dass es Sie nicht einschlafen l\u00e4sst. Die Anwendung von Ohrst\u00f6pseln nutzt gar nichts, im Gegenteil, Sie haben den Eindruck, das Ger\u00e4usch wird dadurch sogar noch lauter.<br \/>\nZun\u00e4chst hoffen Sie noch, dass das Ger\u00e4usch wieder vergeht, so wie es gekommen ist. Es verschwindet aber nicht. Tags\u00fcber ist es noch ertr\u00e4glich, solange Sie sich irgendwie ablenken k\u00f6nnen. Kaum machen Sie eine Pause, ist es wieder da. Nach mehreren N\u00e4chten, in denenen Sie erst nach Stunden einschlafen konnten, packt Sie die Verzweiflung. Sie gehen zum Arzt.<!--more--><\/p>\n<p>Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt macht eine Reihe von Untersuchungen. Er fragt Sie, auf welcher Seite Sie das Ger\u00e4usch lauter h\u00f6ren. Das k\u00f6nnen Sie nicht sagen, denn Sie h\u00f6ren es einfach \u00fcberall, aus keiner Richtung kommend. Er stellt fest, was Sie schon wissen, n\u00e4mlich dass Sie auf beiden Ohren nicht mehr ganz so gut h\u00f6ren, wie fr\u00fcher. Nachdem auch eine Kernspintomografie Ihres Kopfes - so wie alle anderen Untersuchungen - keine Auff\u00e4lligkeiten zeigt, sagt Ihnen der Arzt, dass Sie wohl an einem sogenannten \"idiopathischen Tinnitus\" leiden und dass es leider keine Medikamente und auch sonst keine wirklich wirksamen Therapien gibt, Sie rasch von dem qu\u00e4lenden Ger\u00e4usch zu befreien.<br \/>\nEs hei\u00dfe zwar \"Ohrger\u00e4usch\", der Tinnitus habe jedoch nicht wirklich mit den Ohren zu tun, sondern eher mit der H\u00f6rverarbeitung im Nervensystem. Er empfiehlt Ihnen, sich deshalb auch erg\u00e4nzend Rat beim Nervenarzt zu holen.<\/p>\n<p><strong>Wie kommt es zum Auftreten des \"idiopathischen Tinnitus\" ?<\/strong><\/p>\n<p>\"Idiopathisch\" steht in der Medizin f\u00fcr \"ohne bekannte Ursache\". Etwa 1% der Bev\u00f6lkerung, also fast 1 Million Menschen in Deutschland, leiden an einem dauerhaften Ohrger\u00e4usch ohne erkennbare Ursache.<br \/>\nDie neuesten Theorien zur Entstehung des Tinnitus gehen davon aus, dass bestimmte Nervenzellen der H\u00f6rbahnen im Gehirn anfangen k\u00f6nnen, von selbst aktiv zu werden, wenn sich der Reizzufluss aus den Geh\u00f6rzellen des Innenohres verringert.&nbsp; Dies kann zum Beispiel bei einer altersbedingten H\u00f6rst\u00f6rung oder auch nach einer Sch\u00e4digung des Innenohrs der Fall sein.<br \/>\nEin \u00e4hnlicher Ablauf wird beim sogenannten Phantomschmerz vermutet. Menschen versp\u00fcren nach Amputation von Gliedma\u00dfen noch Schmerzen in dem nicht mehr vorhandenen Bein oder Arm. Die daf\u00fcr verantwortliche, spontan entstehende Aktivit\u00e4t von Hirnzellen tritt dann auf, wenn die \"echten\" Nerveninformationen fehlen oder zu schwach sind.<\/p>\n<p>\u00c4ngste und eine depressive Verstimmung des Patienten, entweder schon vorher vorhanden oder erst durch den Tinnitus ausgel\u00f6st, k\u00f6nnen dann das Nervensystem ganz allgemein zus\u00e4tzlich sensibilisieren. Das Ohrger\u00e4usch wird dadurch subjektiv immer lauter, dr\u00e4ngt sich immer h\u00e4ufiger in den Wahrnehmungsvordergrund. Durch diese wechselseitige Verst\u00e4rkung kann eine Eskalationsspirale entstehen, die den Tinnitus f\u00fcr die\/den Betroffene(n) schlie\u00dflich unertr\u00e4glich werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man den Tinnitus behandeln ?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt tats\u00e4chlich keine Medikamente, die den Tinnitus auf die Schnelle beseitigen k\u00f6nnen. Stattdessen muss vor allem die oben genannte, emotionale Eskalationsspirale zur\u00fcck gedreht werden.<br \/>\nJeder wei\u00df, dass etwas, das uns st\u00f6rt - zum Beispiel das Surren einer M\u00fccke - von uns sehr viel lauter und st\u00f6render wahrgenommen wird als zum Beispiel der (eigentlich sehr viel lautere) Ger\u00e4uschpegel in einem Restaurant, in dem wir uns wohl f\u00fchlen. Es kommt also entscheidend darauf an, wie wir mit dem betreffenden Ger\u00e4usch umgehen und was es bei uns ausl\u00f6st.<br \/>\nManche Leute wohnen neben einer Bahnstrecke und nehmen das Ger\u00e4usch der regelm\u00e4\u00dfig vorbei fahrenden Z\u00fcge bewusst kaum mehr wahr. Unser Bewusstsein konzentriert sich auf subjektiv Wichtiges, alles was wir - ganz unbewusst - als unwichtig einordnen, f\u00e4llt uns kaum mehr auf.<\/p>\n<p>Man kann also lernen, mit einem St\u00f6rger\u00e4usch anders umzugehen, sich abzulenken, es zu verdr\u00e4ngen, sich daran zu gew\u00f6hnen oder auch es zu akzeptieren und nicht mehr als Bedrohung wahrzunehmen, schlie\u00dflich sogar, es zu \"vergessen\".<br \/>\nS\u00e4mtliche wirksamen Behandlungsverfahren konzentrieren sich darauf, diesen Gew\u00f6hnungsprozess zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Hilfreich ist oft schon die Erkenntnis, nicht alleine zu sein. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann \u00c4ngste abbauen, zus\u00e4tzliche Informationen und auch wieder Hoffnung vermitteln (z.B. \u00fcber die Selbsthilfeorganisation <a href=\"http:\/\/www.tinnitus-liga.de\">\"Deutsche Tinnitus-Liga\"<\/a> (DTL) und deren Verbandszeitschrift \u201eTinnitus-Forum\u201c). Helfen, k\u00f6nnen auch ganz praktische Ratschl\u00e4ge, wie z.B. das Ohrger\u00e4usch bei leiser Umgebung zu \u00fcbert\u00f6nen, etwa durch einen Kissenlautsprecher mit leiser, beruhigender Musik.<br \/>\n\u00c4ngste und depressive Verstimmungen lassen sich auch mit Medikamenten gut bessern. Sollte dies nicht ausreichen, gibt es auch professionelle Hilfe in Form der sogenannten \"kognitiven Verhaltenstherapie\", einer ganz Alltags-praktischen Form der Psychotherapie.<\/p>\n<p>Tinnitus ist also&nbsp; nicht unheilbar - ganz im Gegenteil. Allerdings kann die Behandlung etwas dauern und man muss sich auf sie einlassen. Sprechen Sie als Betroffener hierzu mit einem Nervenarzt oder Neurologen, er wird sie ausf\u00fchrlich beraten.<\/p>\n<p>Zu warnen ist dagegen vor marktschreierisch im Internet oder anderen Medien als hochwirksam angepriesenen Heilmethoden, die von Ihnen selbst (oft teuer !) bezahlt werden m\u00fcssen. Meist kommen dabei \"Patienten\" zu Wort, die sich begeistert dar\u00fcber \u00e4u\u00dfern, wie gut wirksam das Mittel bei ihnen war.<br \/>\nDie Psyche spielt beim Tinnitus eine gro\u00dfe Rolle, deshalb kann alleine die anf\u00e4nglich gro\u00dfe, zuversichtliche Erwartungshaltung schon oft zu einer vor\u00fcbergehenden Besserung f\u00fchren. Fast immer helfen jedoch diese Therapien auf Dauer dann nur demjenigen, der sie Ihnen verkauft. Die unvermeidliche Entt\u00e4uschung und auch der Tinnitus sind danach dann f\u00fcr die Betroffenen umso schlimmer.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zu Hause und m\u00f6chten ein Buch lesen. Kaum haben Sie sich hingesetzt, stellen Sie fest: da ist ein Ger\u00e4usch, ein hoher Summton, wie bei einer St\u00f6rung im Fernseher. Sie suchen nach der Ger\u00e4uschequelle, nach dem Ger\u00e4t, das Sie ausschalten k\u00f6nnten. Sie finden das Ger\u00e4t nicht. 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