{"id":103,"date":"2013-03-20T07:54:52","date_gmt":"2013-03-20T07:54:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nerven-praxis.de\/patblog\/?p=103"},"modified":"2017-07-07T17:29:11","modified_gmt":"2017-07-07T17:29:11","slug":"wissen-zum-thema-multiple-sklerose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nerven-praxis.de\/patblog\/2013\/03\/20\/wissen-zum-thema-multiple-sklerose\/","title":{"rendered":"Aktuelles Wissen: Multiple Sklerose"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: left;\">\n<p>F\u00fcr die 24j\u00e4hrige Studentin, die mir gegen\u00fcber sitzt, bricht eine Welt zusammen. Ich musste ihr gerade sagen, dass sie an einer Multiplen Sklerose erkrankt ist. Gerne w\u00fcrde ich von \"schonend beibringen\" sprechen, aber schonend geht nicht wirklich, allein der Begriff \"Multiple Sklerose\" l\u00f6st regelm\u00e4\u00dfig einen Schock aus. Sie ist doch jung, war immer gesund und hatte sich \"nur\" wegen eines aufgetretenen Taubheitsgef\u00fchls an beiden Beinen unterhalb des Knies vor 3 Wochen bei mir vorgestellt. Die Gef\u00fchlsst\u00f6rung hat sich auch inzwischen schon ganz von selbst wieder gebessert.<br \/>\nDie Ergebnisse der durchgef\u00fchrten Untersuchungen lassen jedoch keinen Zweifel an der Diagnose zu.<\/p>\n<p>Die junge Frau ist der Verzweiflung nahe. Sie wei\u00df wenig \u00fcber die Erkrankung, kennt jedoch eine seit Jahren an MS leidende Nachbarin, die im Rollstuhl sitzt. Wird sie den von ihr angestrebten Beruf als Rechtsanw\u00e4ltin aus\u00fcben k\u00f6nnen ? Wird sie eine Familie gr\u00fcnden bzw. ihrem k\u00fcnftigen Ehemann eine vielleicht bald \"behinderte\" Frau zumuten k\u00f6nnen, Kinder bekommen und versorgen k\u00f6nnen ?<\/p>\n<p>Aufkl\u00e4rungsgespr\u00e4che, die erst einmal mit vielen falschen Vorstellungen von Patienten aufr\u00e4umen m\u00fcssen, f\u00fchren wir Neurologen h\u00e4ufig. Viele dieser Vorstellungen beruhen auf dem Ph\u00e4nomen der \"selektiven Wahrnehmung\", dessen Opfer jeder von uns leicht werden kann.<!--more--><br \/>\nWir nehmen vor allem das wahr, was \"anders\" oder irgendwie auff\u00e4llig ist und ganz besonders das, was uns Angst macht. Im Alltag sehen wir einen MS-Patienten im Rollstuhl, bemerken aber nicht die vielleicht drei anderen an MS erkrankten Menschen in unserem weiteren Umfeld, die alle keine sichtbare Behinderung haben.<br \/>\nIm Internet lesen wir nur Beitr\u00e4ge von Leuten, denen es schlecht geht oder die von schlimmen Erfahrungen berichten m\u00f6chten, viel seltener von all den Leuten, denen es mit der Behandlung einer Erkrankung gut geht. Was sollten diese Menschen auch schreiben, was die Aufmerksamkeit der Leser erregen w\u00fcrde ?<\/p>\n<p>Gerade von der MS haben viele Menschen daher ein v\u00f6llig falsches Bild. Weitaus die meisten Patienten mit einer MS sind heute gut behandelbar, so dass keine \"Sch\u00fcbe\" der Erkrankung mehr auftreten, die fr\u00fcher - auch damals nur bei einem kleineren Teil der Patienten - schlie\u00dflich zu einer Behinderung f\u00fchren konnten. Die Zahl der zur Verf\u00fcgung stehenden Medikamente w\u00e4chst st\u00e4ndig (allein in den n\u00e4chsten 5 Jahren werden 10 neue Medikamente gegen MS erwartet), die individuellen Behandlungsm\u00f6glichkeiten werden immer vielf\u00e4ltiger, die Wirksamkeit besser, allerdings nimmt auch die Zahl m\u00f6glicher Nebenwirkungen zu, so dass die Behandlung auch komplizierter wird.<\/p>\n<p>Die junge Patientin erf\u00e4hrt daher von mir zun\u00e4chst, dass die Diagnose MS keinerlei \u00c4nderung ihrer Lebensperspektive erfordert. Weder die Berufswahl noch die Familienplanung sind durch die Erkrankung beeintr\u00e4chtigt. Allerdings sollte fr\u00fchzeitig die Behandlung mit einem das Immunsystem beeinflussenden Medikament erfolgen.<\/p>\n<p>Ursache der MS ist eine immer wieder auftretende Fehlregulation unseres immens komplizierten Abwehrsystems. Hierdurch kann es zeitweise dazu kommen, dass z.B. gegen einen Virus gebildete Abwehrstoffe sich auch gegen k\u00f6rpereigenes Gewebe richten. Normalerweise werden solche \"Autoimmun\"-Prozesse sofort erkannt und die betreffenden Abwehrstoffe umgehend ausgeschaltet.\u00a0 Durch den Defekt bei der MS geschieht dies jedoch nicht oder nur verz\u00f6gert, so dass die Isolierschichten von Nervenbahnen in einer bestimmten Region des Zentralnervensystems besch\u00e4digt werden. Als Folge kommt es zu Leitungsst\u00f6rungen dieser Nervenverbindungen, es treten Ausfallserscheinungen z.B. Sehst\u00f6rungen, eine Schw\u00e4che oder eine Gef\u00fchlsminderung auf. Diese Symptome bilden sich zu Anfang der Erkrankung meistens wieder vollst\u00e4ndig zur\u00fcck, da die Isolierschicht wieder aufgebaut wird. Erst nach wiederholtem Betroffensein einer bestimmten Region k\u00f6nnen dann dauerhafte St\u00f6rungen verbleiben.<\/p>\n<p>Die Entz\u00fcndungsprozesse, die zu der Zerst\u00f6rung der Nerven-Isolierschicht f\u00fchren, lassen sich mit den heutigen Medikamenten abschw\u00e4chen bzw. \"modulieren\". Es stehen inzwischen unterschiedlich stark wirksame Substanzen zur Verf\u00fcgung, die je nach Erfordernis nacheinander eingesetzt werden (\"Eskalation\" der Therapie). An erster Stelle dieser \"Schubprophylaxe\" stehen die inzwischen \u00fcber viele Jahre erprobten Interferone oder das Glatirameracetat (Copaxone) zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Die eigentliche Ursache der MS ist trotz intensiver Forschung nach wie vor unbekannt. Es muss sich jedoch um einen nicht \u00fcberall vorhandenen Umweltfaktor handeln, was mit einer Untersuchung an Eskimos gezeigt werden konnte. Solange ein Eskimo in seiner angestammten Heimat verbleibt, wird er nicht an einer MS erkranken. Zieht er aber in jungen Jahren um z.B. in die USA, ist sein Risiko zu erkranken genauso hoch, wie das eines gleichaltrigen US-Amerikaners.<br \/>\nDie aktuellen Theorien zur Entstehung der MS gehen davon aus, dass ein m\u00f6glicherweise ganz allt\u00e4glicher Virusinfekt bei den betroffenen Patienten im fr\u00fchen Jugendalter zu einer bleibenden Ver\u00e4nderung des Immunsystems f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das eigentliche Problem bei der MS ist jedoch nicht die Diagnose selbst, sondern die gar nicht oder erst zu sp\u00e4t gestellte Diagnose. Die stark unterschiedlichen H\u00e4ufigkeitszahlen lassen vermuten, dass in Regionen mit geringer Facharztdichte die zun\u00e4chst auftretenden, eventuell wenig dramatischen und sich von selbst wieder bessernden Symptome h\u00e4ufig fehlgedeutet werden.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich sollte daher jede - auch und gerade bei einem j\u00fcngeren Menschen auftretende - \u00fcber mehr als einen Tag anhaltende, deutliche Sehminderung auf einem Auge, Gef\u00fchlsst\u00f6rung in einer gr\u00f6\u00dferen K\u00f6rperregion, deutliche Muskelschw\u00e4che von Armen und\/oder Beinen oder Gleichgewichtsst\u00f6rung von einem Neurologen oder Nervenarzt untersucht werden. In vielen F\u00e4llen wird es sich hierbei auch um andere, zum Teil harmlose St\u00f6rungen handeln. Bei tats\u00e4chlichem Vorliegen einer MS l\u00e4sst sich jedoch der Verlauf der Erkrankung durch eine fr\u00fchzeitige Behandlung entscheidend zum Positiven beeinflussen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die 24j\u00e4hrige Studentin, die mir gegen\u00fcber sitzt, bricht eine Welt zusammen. Ich musste ihr gerade sagen, dass sie an einer Multiplen Sklerose erkrankt ist. Gerne w\u00fcrde ich von \"schonend beibringen\" sprechen, aber schonend geht nicht wirklich, allein der Begriff \"Multiple Sklerose\" l\u00f6st regelm\u00e4\u00dfig einen Schock aus. 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