Aktuelles Wissen: Schwindel

Dr. Richard Ippisch

Schwindel ist eines der am häufigsten geklagten Symptome in der ärztlichen Praxis. Ebenso vielfältig sind die Beschwerden, die der Einzelne unter "Schwindel" versteht. Von einfacher Konzentrationsstörung oder Benommenheit über Gangunsicherheit, Dreh- und Schwankgefühl bis hin zu Schwarzwerden vor den Augen und beginnender Bewusstlosigkeit reicht das Spektrum, das Patienten gegenüber ihrem Arzt als Schwindel beschreiben.

Diesen Beschwerden können demnach auch eine große Anzahl ganz unterschiedlicher Störungen und Erkrankungen zugrunde liegen. Ein plötzlich aufgetretenes Drehgefühl kann beispielsweise eine ganz harmlose, gut behandelbare Störung des Gleichgewichtsorgans, aber auch der Beginn einer lebensbedrohlichen Durchblutungsstörung des Gehirns sein.

Neurologische Störungen sind nicht selten die Ursache von Schwindel. Die Diagnose kann dem Nicht-Spezialisten manchmal Schwierigkeiten bereiten.

Eine exakte Diagnosestellung ist aber vor allem bei neu aufgetretenen Schwindelbeschwerden in jedem Fall erforderlich. Keinesfalls genügt es, einfach nur unspezifische Medikamente gegen den Schwindel einzunehmen und auf eine mögliche Besserung zu warten.
Nicht der Schwindel, sondern die Ursache des Schwindels muss behandelt werden !

Wichtig für die Diagnose: Begleitsymptome...

Für die ärztliche Diagnosestellung ist es zunächst ganz wichtig, eine möglichst exakte Beschwerdeschilderung zu erhalten.
Andere begleitende Symptome, die für den Patienten vielleicht nicht im Vordergrund stehen, wie Ohrgeräusch, Hörminderung, Doppelbilder, verwaschene Sprache, ein Taubheitsgefühl u.ä. können wertvolle Hinweise auf mögliche Funktionsbeeinträchtigungen des Nervensystems geben.

...und die neurologische Untersuchung

Eine anschließende, komplette neurologische Untersuchung kann dann Aufschluss über auch nur geringgradige Auffälligkeiten der verschiedenen Funktionsbereiche des Gehirns und vor allem des Gleichgewichtssystems liefern.

Neben einer Gleichgewichtsprüfung im Stehen und Gehen ist hierbei vor allem eine Untersuchung der Augenbewegungen wichtig. Da die Stellung der Augen bei Kopf- und Körperbewegungen oft und rasch korrigiert werden muss, um ein verwischtes Sehen zu vermeiden, sind Gleichgewichtssystem und Augenbewegungszentrum sehr eng durch Reflexkreise verbunden. Umgekehrt führen dann Störungen der Gleichgewichtsverarbeitung zu einer dem Untersucher erkennbaren Änderung dieser Augenbewegungsreflexe.

Nur der Neurologe verfügt in der Regel über das Wissen und die Ausstattung, um die vielfältigen Störungen des Zentralnervensystems, die mit Schwindel einhergehen können, zu erkennen, einzuordnen und die erforderliche Behandlung einzuleiten.

Mögliche Fehldiagnosen durch ungezielte apparative Diagnostik

Wir halten dagegen wenig davon, mangelnde neurologische Kenntnisse dadurch zu ersetzen, dass man den Patienten erst eine (teure) Batterie von apparativen Untersuchungen durchlaufen lässt, um dabei nach irgendwelchen Auffälligkeiten zu suchen.
Wenn man nicht schon vorher genau weiß, warum man gezielt nach bestimmten Veränderungen sucht, kann dies sehr leicht zu falschen Diagnosen führen.

Eine der häufigsten solcher Fehldiagnosen ist der sogenannte "cervikogene Schwindel" bei auffälligen Aufnahmen der Halswirbelsäule.
Einen anhaltenden Schwindel, der durch irgendwelche Veränderungen der Halswirbelsäule verursacht wird, gibt es schlichtweg nicht!
Bei allen Patienten, die sich mit der Diagnose eines "cervikogenen Schwindel" in einem spezialisierten Zentrum vorstellen, wird nach sorgfältiger Untersuchung eine andere Diagnose gefunden.

Nach einer Untersuchung durch den Hausarzt sollte eine Überweisung zum Neurologen erfolgen

Da auch verschiedene Störungen des Kreislaufs und der Blutdruckregulation aber auch zum Beispiel akute Infektionen und Lungenfunktionsstörungen zu Schwindel führen können, wird der Hausarzt zunächst die dabei erforderlichen (Blut-) Untersuchungen durchführen.
Bei hier fehlenden Auffälligkeiten wird er dann - vor allem bei starkem Schwindel - rasch eine neurologische Untersuchung veranlassen, denn die mit heftigem Schwindel einhergehenden und rasch behandlungsbedürftigen Erkrankungen spielen sich außer am Herz-/Kreislaufsystem ausschließlich im Nervensystem ab.

Beispiel: Gutartiger Lagerungsschwindel

Eine der häufigsten und gleichzeitig oft nicht erkannten Schwindelformen ist z.B. der sogenannte, gutartige Lagerungsschwindel.

Typische Beschwerden sind ein beim Hinlegen, Aufrichten aus dem Liegen oder Umdrehen im Bett auftretendes, heftiges Drehgefühl, das nach wenigen Sekunden wieder abklingt.
Die Diagnose ist anhand der dabei auftretenden, charakteristischen Störung der Augenbewegungen für den Erfahrenen leicht zu stellen. Mit einfach zu erlernenden Übungen lassen sich die Beschwerden rasch beseitigen.
Leider gibt es einen sehr ähnlichen, zentralen Lageschwindel, der eine ernste Störung der Gleichgewichtszentren (Durchblutungsstörung, Entzündung) anzeigen kann. Nicht-Neurologen kann die Differenzierung im Einzelfall große Schwierigkeiten bereiten.

Die meisten Schwindelerkrankungen lassen sich gut behandeln

Die gute Nachricht zum Thema Schwindel ist, dass in einem spezialisierten Zentrum 95% aller Schwindelbeschwerden nach sorgfältiger Untersuchung einer Diagnose zugeordnet werden können.
Die meisten Schwindelerkrankungen lassen sich - nach klarer Diagnosenstellung - dann auch erfolgreich behandeln.

Spezielle Schwindel-Sprechstunde in unserer Praxis

In unserer Praxis in Germering stellt die Diagnose und Therapie von Schwindel einen Schwerpunkt dar. Wir bieten daher eine eigene Schwindel-Sprechstunde an und arbeiten mit dem nahe gelegenen Deutschen Zentrum für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen am Universitätsklinikum Großhadern in München eng zusammen.

Für fachlich interessierte Leser stellen wir ergänzend den von Dr. Richard Ippisch in der Zeitschrift "Hausarzt", dem offiziellen Organ des österreichischen Hausärzteverbandes veröffentlichten Artikel als PDF-Datei zur Verfügung:
"Alles Schwindel ? - Ein diagnostischer Leitfaden für den Praxisalltag"

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Comments links could be nofollow free.